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Netzers Einwurf
12.07.2010

Spanien hat den Fußball-Thron erobert. Der amtierende Europameister besiegte im WM-Endspiel die Niederlande mit 1:0 nach Verlängerung. Deutschland wird wie schon 2006 WM-Dritter. Im kleinen Finale gewann das Team von Jogi Löw mit 3:2 gegen Uruguay.

 

Spanien ist zum ersten Mal in seiner Geschichte Weltmeister. Ein verdienter Titelträger?

 

Spanien hat sich im Turnierverlauf kontinuierlich gesteigert. Die Mannschaft ist auf allen Positionen hervorragend besetzt und verfügt über herausragende Einzelspieler. Spanien agiert sehr kompakt und tritt als geschlossene Einheit auf. Spanien ist zu Recht Fußball-Weltmeister.

 

Deutschland verabschiedete sich mit einem 3:2 Sieg gegen Uruguay aus dem Turnier. Wie fällt ihr Fazit hinsichtlich der deutschen Mannschaft aus?

 

Deutschland hat alle positiv überrascht. Nicht nur die eigenen Anhänger, sondern die Fußballfans weltweit. Die Art und Weise und die Deutlichkeit, mit der das deutsche Team gegen England und Argentinien gewonnen hat, hätte niemand für möglich gehalten. Deutschland hat bei dieser WM die Erwartungen deutlich übertroffen und den schönsten Fußball gespielt.

 

Wie schon 2006 und 2008 hat die deutsche Mannschaft überzeugt, steht am Ende aber mit leeren Händen da. Was fehlt der Mannschaft noch, um einen Titel zu gewinnen?

 

Titel lassen sich nicht planen. Aber wenn die Mannschaft den eingeschlagenen Weg konsequent weitergeht, stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie schon bei der EM 2012 oder in vier Jahren bei der WM in Brasilien ganz oben steht. Das Potenzial, das in dieser deutschen Mannschaft steckt, ist enorm. Von allen Mannschaften hat das deutsche Team die beste Perspektive.

 

Hat die WM mit Blick auf Technik, Taktik oder Spielsystematik neue Erkenntnisse gebracht, gar Trends gesetzt?

 

Nein. Unter spielerischen Gesichtspunkten war diese WM nur Durchschnitt. Insbesondere etablierte Mannschaften wie Frankreich, Italien und England haben enttäuscht. Auch die vermeintlichen Superstars blieben unter ihren Möglichkeiten. Enttäuscht bin ich auch von den Referees. Die Schiedsrichterleistungen waren schlecht.

 

Wer oder was war für Sie die größte Überraschung bei der WM?

 

Die Entwicklung und der positive Auftritt der deutschen Mannschaft ist die ganz große Überraschung bei dieser WM. Die deutsche Mannschaft hat bei dieser WM so überzeugend gespielt, wie es niemand im Vorfeld erwartet hätte.

 

Und die größte Enttäuschung?

 

Der Auftritt der großen Fußballnationen hat mich sehr enttäuscht. Ob Brasilien, Frankreich, Italien oder England. Diese Mannschaften können nicht so weitermachen, wie sie sich hier präsentiert haben. Es muss ein Nachdenken einsetzen. Sie müssen ihre Art Fußball zu spielen nach dieser WM kritisch hinterfragen.

 

Am Ende des Turniers stehen drei europäische Nationalmannschaften auf dem Treppchen. Zufall oder Ausdruck der Überlegenheit von old Europe gegenüber anderen Fußballnationen?

 

Die meisten Top-Teams kommen nun mal aus Europa. Eine WM ist im Prinzip eine EM mit Argentinien und Brasilien. Und wenn diese beiden Mannschaften wie bei diesem Turnier schwächeln, stehen zwangsläufig die europäischen Teams oben.

 

Wie bewerten Sie die Auftritte der afrikanischen Mannschaften bei ihrer Heim-WM? Wo steht der afrikanische Fußball im internationalen Vergleich?

 

Viele afrikanische Teams haben gute Einzelspieler aber sie funktionieren noch nicht als Mannschaft. Wenn es drauf ankommt, reicht es nicht. Der afrikanische Fußball hat sich unter dem Strich nicht wesentlich verbessert. Schade, dass die stärkste afrikanische Mannschaft, die Elenbeinküste, eine so schwere Gruppe hatte und schon nach der Vorrunde die Heimreise antreten musste.

 

Diego Forlán wurde zum besten Spieler des Turniers gewählt. Zu Recht? Und was zeichnet diesen Spieler aus?

 

Die Wahl von Diego Forlán hat mich überrascht. Forlán ist das Herz der Mannschaft Uruguays und hat ein gutes Turnier gespielt. Auch ist er seinem Ruf als Torgarant wieder einmal gerecht geworden. Allerdings hätte ich eher einen Spanier als besten Turnierspieler erwartet.

 

Welche persönlichen Eindrücke nehmen Sie nach vier Wochen Südafrika mit nach Hause?

 

Die Skepsis, die es im Vorfeld des Turniers gab, war absolut unbegründet. Die Organisation war gut. Die Fußball-Stadien sind wunderschön. Die Begeisterung der Gastgeber war einmalig. Die Menschen sind zu Recht stolz auf das, was sie erreicht haben. Und auch das Ausscheiden Südafrikas nach der Vorrunde und im Viertelfinale mit Ghana das Aus der letzten afrikanischen Mannschaft hat der Stimmung nicht geschadet. Es hat sich gelohnt, die WM nach Afrika zu geben.

 

Haben Sie als Andenken an diese WM eine Vuvuzela in Ihrem Reisegepäck?

 

Ich habe zum Abschied von der ARD eine Vuvuzela geschenkt bekommen. Diese habe ich jedoch leider in Südafrika liegen gelassen.

08.07.2010

Der Traum ist aus. Der vierte Stern bleibt unerreicht. Nach großartigen Auftritten bei dieser WM findet Deutschland in Spanien seinen Meister. Das deutsche Team verliert das Halbfinale gegen die Ballkünstler von der iberischen Halbinsel mit 1:0. Am Samstag geht es nun im Spiel um Platz 3 gegen Uruguay.

 

Deutschland ist im Halbfinale an Spanien gescheitert. Wie groß ist Ihre Enttäuschung?

 

Ich bin traurig, dass der deutschen Mannschaft nicht der ganz große Wurf gelungen ist, aber ich bin nicht enttäuscht. Das Gesamtbild, das die deutsche Mannschaft bei diesem Turnier abgegeben hat bleibt positiv. Daran ändert auch die Niederlage gegen Spanien nichts. Spanien war besser, hat dem deutschen Team seine Grenzen aufgezeigt und verdient gewonnen.

 

Das Spiel erinnerte in weiten Strecken an das EM-Finale zwischen diesen beiden Mannschaften vor zwei Jahren. Waren Sie überrascht, wie dominant Spanien aufgetreten ist?

 

Nein. Ich bewundere schon seit sehr langer Zeit die Art und Weise, wie in Spanien Fußball gespielt wird. Diese Spielfreude gepaart mit Spielintelligenz und Kombinationssicherheit ist einzigartig und das Fundament für die Dominanz, die die Spanier dann auf dem Platz ausüben.

 

Nach den bisher guten Leistungen der deutschen Mannschaft bei diesem Turnier trat Deutschland erstaunlich passiv, zurückhaltend und ängstlich auf. Worauf führen Sie das zurück?

 

In der Tat hat die deutsche Mannschaft unter dem Strich zu passiv agiert und zu wenig nach vorne gespielt. Das lag jedoch in erster Linie an den Spaniern. Sie haben einen wunderbaren Kombinationsfußball aufgezogen. Wenn man nur selten an den Ball kommt, ist es schwierig, überhaupt ins Spiel zu finden.

 

Die Deutschen haben den Spaniern das Mittelfeld überlassen, wo sie ihr gefürchtetes Kurzpass-Spiel aufziehen konnten. War die ausgesprochene Defensiv-Taktik die richtige Marschroute?

 

Die taktische Ausrichtung war absolut richtig und hat ja auch gegen England und Argentinien wunderbar funktioniert. Im offenen Schlagabtausch mit den Spaniern hätte die deutsche Mannschaft keine Chance gehabt. Die deutsche Mannschaft hat defensiv ja auch sehr lange und erfolgreich dagegengehalten. Im Gegensatz zu den vorherigen Spielen ist es der deutschen Mannschaft jedoch nicht gelungen, planvoll nach vorne zu spielen und sich Torchancen zu erarbeiten.

 

Nicht nur die spanische Nationalmannschaft auch der spanische Vereinsfußball dominiert seit Jahren die europäische Fußballbühne. Was ist das Erfolgsrezept des spanischen Fußballs?

 

Der Erfolg liegt in der Ausbildung. Schon der Fußballnachwuchs durchläuft in Spanien eine erstklassige Schule. Das Technik- und Taktiktraining ist vorbildlich. Das zahlt sich aus. Am Ende dieser Entwicklung steht dann im Vereinsfußball eine Mannschaft wie Barcelona, die auf beeindruckende Art und Weise die Fußballwelt beherrscht.

 

Inwieweit wirft die deutsche Mannschaft ein solches Spiel in ihrer weiteren Entwicklung zurück?

 

Für die Entwicklung einer Mannschaft ist es nicht gut, wenn der Weg nur nach oben zeigt. Schrammen gehören auf dem Weg an die Weltspitze dazu und wirken am Ende sogar leistungsfördernd. Natürlich ist die Enttäuschung bei den Spielern im Augenblick riesig. Aber das Potenzial ist in der Mannschaft vorhanden und der Aufwärtstrend ungebrochen.

 

Was kann die Mannschaft aus dieser Niederlage gegen Spanien lernen?

 

Die deutsche Mannschaft musste erkennen, dass sie Spanien noch nicht auf Augenhöhe begegnen kann. Jogi Löw hat jedoch die Weichen in die Zukunft richtig gestellt und wenn dieser eingeschlagene Weg konsequent fortgesetzt wird, ist Deutschland sicherlich schon bald in der Lage, Mannschaften wie Spanien Paroli bieten zu können. Allerdings sollte sie nicht versuchen, die Spielweise der Spanier zu kopieren. Dazu fehlen einfach die technischen Voraussetzungen. Das Team sollte seinen deutschen Charakter nicht verleugnen, sondern darauf aufbauend sich weiterentwickeln.

 

Am Samstag nun steigt das kleine Finale um Platz 3 gegen Uruguay. Spiel um die goldene Ananas, oder doch mehr?

 

Es ist wichtig, dass die Mannschaft mit einem positiven Erlebnis das Turnier verlässt. Das letzte Spiel bestimmt maßgeblich den Gesamteindruck, den eine Mannschaft bei einer WM hinterlässt. Und auch der 3. Platz bei einer WM zählt noch etwas. Vom Vierten spricht dagegen kein Mensch mehr.

 

Am Sonntag treffen im Endspiel die Niederlande auf Spanien. Ein würdiger Abschluss dieser WM?

 

Wer im Finale steht, hat Großartiges geleistet. Spanien gehörte von Beginn an zu den ganz großen Favoriten bei diesem Turnier. Die Niederländer haben sich dagegen auf leisen Sohlen in das Finale vorgekämpft. Natürlich hatten sie auch ein wenig Losglück und so den leichteren Weg ins Finale. Aber immerhin haben sie Brasilien geschlagen.

 

Ist Spanien nach dem Auftritt gegen Deutschland in der Favoritenrolle? Die Niederländer haben noch kein Spiel bei dieser WM verloren.

 

Natürlich ist Spanien Favorit. Doch das Spiel wird nicht einfach und ist bei weitem kein Selbstläufer. Die Niederländer agieren taktisch sehr geschickt und haben gute Einzelspieler in ihren Reihen.

 

Wer hält am Ende den Weltpokal in seinen Händen?

 

Spanien!

Argentinien wollte Revanche für die Viertelfinal-Niederlage gegen Deutschland bei der WM 2006 und erlebte eine der größten sportlichen Demütigungen seit Jahren. Mit 4:0 schickte das deutsche Team Argentinien nach Hause. Nicht nur Messi, ganz Argentinien weint.

 

4 : 0 gegen Argentinien. Wie nah war das am perfekten Fußball?

 

Die Mannschaft war gut organisiert, hat hervorragend verteidigt, spielerisch überzeugt, sich Chancen erspielt und ist zum Abschluss gekommen. Ja, das war nahe am perfekten Fußball.

 

Vor gerade einmal vier Monaten trafen die beiden Mannschaften in München aufeinander. Argentinien gewann verdient mit 1:0, und Maradona vermutete nach dem Spiel in Thomas Müller einen Balljungen. Was hat sich seitdem verändert?

 

Die Mannschaft hat sich seitdem enorm weiterentwickelt. Das Team hat die Philosophie von Jogi Löw verinnerlicht und setzt diese in bewundernswerter Weise um. Sie ist zu einer Einheit zusammengewachsen, die nicht nur durch Kampf und Willenskraft überzeugt, sondern taktisch hervorragend agiert und mittlerweile auch spielerisch in der Lage ist, ein Match für sich zu entscheiden.

 

Ist Deutschland nach diesem Spiel nun Top-Favorit auf den WM-Titel?

 

Wir sollten keinen unnötigen Druck auf die Mannschaft aufbauen. Das Team hat hervorragende Leistungen gezeigt und alle überrascht. Daraus können wir nun aber nicht automatisch den Titel ableiten. Ich rate zu einer gewissen Ruhe und Gelassenheit.

 

Thomas Müller sah beim Spiel gegen Argentinien seine zweite gelbe Karte und ist nun für das Spiel gegen Spanien gesperrt. Wie sehr schwächt Müllers Sperre die deutsche Mannschaft?

 

Das muss man sich einmal vorstellen. Wir reden darüber, inwieweit die deutsche Nationalmannschaft die Sperre eines Spielers kompensieren kann, den vor einem Jahr noch keiner kannte. Das zeigt, welche Entwicklung Thomas Müller in den vergangenen Monaten genommen hat und ist das größte Kompliment, das man ihm machen kann. Der Ausfall von Thomas Müller bedeutet in der Tat eine Schwächung des deutschen Teams, weil in einer funktionierenden Einheit nun ein entscheidender Akteur fehlt.

 

Im Halbfinale trifft Deutschland jetzt auf Europameister Spanien. Wie bewerten Sie die Leistungen der Spanier im bisherigen Turnierverlauf?

 

Die Spanier haben sich bei dieser WM bisher sehr unterschiedlich präsentiert und noch nicht den ganz großen Glanz der vergangenen Jahre versprüht. In Ansätzen haben sie aber immer wieder gezeigt, was in Ihnen steckt. Sie sind gut organisiert und technisch eine Klasse für sich. Ich erwarte, dass es gegen Spanien wesentlich schwieriger wird als gegen Argentinien.

 

Wie muss die deutsche Mannschaft dem gefürchteten Tiki-Taka Fußball der Spanier begegnen?

 

Spaniens Spiel ist auf Ballkontrolle ausgelegt. Diese Dominanz werden sie auch im Spiel gegen Deutschland versuchen auszuüben. Deutschland muss sich auf seine Stärken konzentrieren und die Schwächen, die es im spanischen Spiel zweifelsohne gibt, konsequent ausnutzen. Insbesondere im Sturm haben die Spanier einige Probleme. Torres ist bei weitem nicht in der überragenden Form wie noch bei der EM 2008.

 

Das Halbfinale ist eine Neuauflage des EM-Finales von 2008, das Deutschland "glücklich" mit 1:0 verlor. Warum geht es diesmal anders aus?

 

Vor zwei Jahren gab es noch einen riesigen spielerischen Unterschied zwischen diesen beiden Mannschaften. Nun begegnen sich die beiden Teams auf Augenhöhe und es wird spannend sein zu sehen, wer sich in diesem direkten Duell durchsetzen wird. Es wird ein enges Match.

 

Im anderen Halbfinale stehen sich Uruguay und die Niederlande gegenüber, zwei Mannschaften, die man vor Turnierbeginn nicht unbedingt auf dem Zettel hatte. Was zeichnet diese beiden Mannschaften aus?

 

Die Niederländer sind ein ernstzunehmender WM-Kandidat. Sie spielen keinen brillanten Fußball treten aber als geschlossene Mannschaft auf, die technisch hervorragend agiert und herausragende Einzelspieler in ihren Reihen hat. Uruguay ist die Überraschungsmannschaft des bisherigen Turniers, hat aber auch enorm viel Glück im Viertelfinale gegen Ghana gehabt. Uruguay ist eine solide Mannschaft, die gut verteidigt.

 

Auffallend ist, dass Mannschaften mit vermeintlichen Superstars wie England, Portugal, Brasilien und Argentinien vorzeitig die Heimreise antreten mussten. Durchgesetzt hat sich dagegen das Kollektiv. Zufall oder Ausdruck eines Paradigmenwechsels im modernen Fußball?

 

Ich sehe in dieser Entwicklung keinen Trend. Die Zeit der Superstars ist nicht vorbei. Ausnahmekönner werden auch künftig den Ausschlag geben, wenn ein Team an seine Grenzen stößt. Ausnahmespieler können sich allerdings nur dann entfalten, wenn sie in ein funktionierendes Team eingebettet sind. Eine Ansammlung von Einzelkönnern allein reicht für den Erfolg einer Mannschaft nicht aus.

 

Die Weltpresse verneigt sich vor Fußball Deutschland. Die Erwartungshaltung in Deutschland steigt ins Unermessliche. Wie lautet Ihr Tipp für das Spiel gegen Spanien?

 

Ich tippe auf einen knappen deutschen Sieg. 2:1 nach Verlängerung.

 

Damit trifft Deutschland im Finale auf?

 

Die Niederlande.

Football is coming home - und die englische Mannschaft kommt gleich mit. 4:1 siegte die deutsche Nationalmannschaft im Fußball-Klassiker gegen England. You aren’t singing anymore! Für die Engländer war es die höchste Niederlage bei einer WM.

 

4:1 gegen England. War das gestern die Geburtsstunde einer neuen Weltmeister-Elf?

 

Ich bin immer vorsichtig mit solchen Ausdrücken. Fakt ist: Die deutsche Mannschaft hat ganz hervorragend gespielt. Hoch konzentriert agiert. Sehr gut kombiniert und ihre Chancen deutlich besser verwertet als in den Spielen zuvor. Sie hat uns mit schönem und vor allem erfolgreichem Fußball verwöhnt. Unter dem Strich eine großartige Leistung.

 

Wie kann es sein, dass eine so junge deutsche Mannschaft eine so erfahrene Mannschaft wie England in der Form aus dem Stadion spielt?

 

Unsere Mannschaft ist nicht zu jung und schon gar nicht zu unerfahren. Sie ist reich an Länderspielen und internationalen Einsätzen auf Vereinsebene. Hinzu kommt Lust und Leidenschaft. Eine perfekte Mischung. Die Engländer haben dagegen ihre Erfahrung vollkommen uninspiriert nur spazieren getragen. Ebenso wie Frankreich und Italien. Ich bin froh, dass diese Spielweise bestraft wurde.

 

Gab es in dem Spiel nur Licht oder auch Schatten?

 

Es war eine rundweg bewundernswerte Leistung unserer Mannschaft. Ein Erlebnis der besonderen Art, von der die Mannschaft noch lange zehren wird.

 

Klose erzielte seinen 50. Länderspieltreffer. Dazu war stets torgefährlich, laufstark und selbstlos. Kann der Stürmer nach diesem Spiel als geheilt gelten?

 

Es ist phänomenal zu sehen, wie Löw in seiner Einschätzung bestätigt wurde. Er hat immer zu Klose gehalten und fest daran geglaubt, ihn zu alter Stärkre zurückführen zu können. Das ist ihm eindrucksvoll gelungen. Klose hat Löw dieses Vertrauen zurückgezahlt und hat all seinen Kritikern, zu denen auch ich gehörte, die passende Antwort auf dem Platz gegeben.

 

Die Engländer fühlen sich wegen des nicht gegebenen Ausgleichstreffers betrogen. Bis auf den Schiedsrichter hat jeder gesehen, dass der Schuss von Lampard hinter der Linie war. Hinterlässt diese Fehlentscheidung einen Fleck auf dem deutschen Sieg?

 

Nein. Es ist eine bedauerliche Entscheidung. Und es ist schade, dass so etwas vorkommt. Diese Fehlentscheidung hat das Spiel jedoch nicht entscheidend beeinflusst. Die Deutschen waren den Engländern in allen Belangen überlegen. Die Engländer hätten das Spiel auch verloren, wenn der Treffer gegeben worden wäre.

 

Im Spiel Argentinien gegen Mexiko gab es eine ähnlich schwerwiegende Fehlentscheidung. Ein klares Abseitstor der Argentinier wurde zum 1:0 anerkannt. Muss der Einsatz technischer Hilfsmittel kommen, um solche Fehlentscheidungen zu vermeiden?

 

Nein. Fußball lebt von Fehlern. Solche Situationen wird es immer geben. Fußball ist Drama. Ich möchte keinen perfekten Fußball. Perfekter Fußball ist langweilig.

 

Vor der WM galt England als einer der Top-Favoriten. Woran scheiterte England?

 

England hat sich zu sehr auf die Klasse einzelner Spieler verlassen. Doch ob nun Terry, Lampard, Gerrard oder auch Rooney: Sie alle haben die in sie gesteckten Erwartungen nicht gezeigt. England hat das ganze Turnier über enttäuscht. Ihr Spiel war bieder und uninspiriert. Sie sind zu Recht so früh gescheitert.

 

Welche Wirkung geht von diesem deutschen Sieg in Richtung der anderen Teams aus – insbesondere in Richtung der Favoriten Spanien, Argentinien und Brasilien?

 

Alle haben nun mit eigenen Augen gesehen, wozu die deutsche Mannschaft in der Lage ist. Jeder weis, dass mit Deutschland bei einer WM zu rechnen ist. Nach so einem Sieg ist der Respekt gegenüber der deutschen Mannschaft noch einmal gestiegen.

 

Im Viertelfinale trifft Deutschland nun wie schon bei der WM 2006 auf Argentinien. Was zeichnet die argentinische Mannschaft aus?

 

Argentinien ist eine großartige Mannschaft, die alle Eigenschaften des modernen und schönen Fußballs in sich vereint. Ich bin nach wie vor kein Freund des Trainers Maradona. Aber ihm ist es perfekt gelungen, die Mannschaft emotional auf das große Ziel einzuschwören, Und er packt sie bei der Ehre. Die Spieler begreifen den WM-Titel als nationale Verpflichtung gegenüber ihrem Land.

 

Der Superstar der Mannschaft ist Messi, der zurzeit wohl weltbeste Fußballer. Was macht diesen Spieler so besonders?

 

Messi ist einfach großartig. Er ist der Dreh- und Angelpunkt der Mannschaft. Er ist Individualist und Mannschaftsspieler in einer Person. Messi ist der einzige Spieler auf der Welt, den man nicht ausschalten kann.

24.06.2010

Geschafft! Das Minimalziel ist erreicht. Die deutsche Nationalmannschaft steht bei der WM in Südafrika im Achtelfinale. Es war ein hartes Stück Arbeit. Doch am Ende gewann Deutschland durch ein Tor von Mesut Özil mit 1:0 gegen Ghana und zieht in die K.O. - Runde ein. Dort trifft die Mannschaft nun am Sonntag auf England.

 

Was für ein Zitter-Sieg. Hätten Sie gedacht, dass es gegen Ghana so eng werden wird?

 

Ich hatte nichts anderes erwartet. Ghana ist das beste afrikanische Team bei dieser WM und hat insbesondere im Spiel gegen Serbien gezeigt, wozu die Mannschaft in der Lage ist.

 

Die Mannschaft wirkte über das gesamte Spiel unsicher und verkrampft. War der Druck zu groß?

 

Natürlich war der Druck groß. Hinzu kam, dass uns Ghana alles abverlangt hat. Und so selbstbewusst, wie sich die Mannschaft im Vorfeld gegeben hat, ist sie noch nicht. Die Spieler sind solche Extremsituationen noch nicht gewöhnt und müssen erst noch lernen, mit derartigen Belastungen umzugehen. Insofern sind solche Spiele für die Weiterentwicklung der Mannschaft immens wichtig.

 

Joachim Löw hatte in der Abwehr umgestellt. Den Rechtsfuß Boateng auf die linke Seite gestellt. Lahm wechselte nach rechts. Ist diese Konstellation auf den beiden Abwehrseiten der Weisheit letzter Schluss?

 

Mit Blick auf das England-Spiel wird Joachim Löw die Konstellation in der Abwehr sicherlich noch einmal überdenken. Boateng hat seine Sache insgesamt ganz ordentlich gemacht. Auf seiner angestammten Position in der Innenverteidigung ist er jedoch sicherlich stärker.

 

Die Innenverteidigung war mehr als einmal indisponiert. Insbesondere Mertesacker schwächelte. Wie bekommt die deutsche Mannschaft Stabilität in ihre Abwehrreihe?

 

Die Abwehrleistung muss insgesamt besser werden. Friedrich hat gut agiert, Lahm war gewohnt souverän. Mertesacker hat dagegen deutlich unter seinen Möglichkeiten gespielt und die endgültige Formation für die linke Außenbahn ist weiterhin offen. Marcell Jansen ist sicherlich eine Option. Allerdings birgt es immer ein gewisses Risiko, einen Spieler nach einer so langen Verletzungspause einzusetzen.

 

Doch nicht nur die Abwehr wirkte nicht sonderlich souverän. Auch im Spielaufbau agierte die Mannschaft sehr verkrampft. Der deutschen Mannschaft gelang es nur selten, den Ball gefährlich auf das Tor der Ghanaer zu bringen. Warum tat sich die Mannschaft im Spiel nach vorn so schwer?

 

Die Ghanaer haben geschickt agiert und es der deutschen Mannschaft sehr schwer gemacht. Hinzu kam, dass in der deutschen Offensive einige Spieler nicht in bester Verfassung waren. Cacau hatte so seine Schwierigkeiten. Und auch Podolski hat wieder einmal nicht überzeugt.

 

Trotz aller Defizite in den einzelnen Mannschaftsteilen. Welche positiven Erkenntnisse kann Joachim Löw aus diesem Spiel ziehen?

 

Auf der deutschen Mannschaft lastete ein enormer Druck. Dass sie diesem standgehalten hat ist die positive Erkenntnis, die man aus diesem Spiel ziehen kann und auf die man aufbauen kann.

 

Mit sechs Punkten hat Deutschland am Ende seine Gruppe gewonnen. Die Auftritte in der Vorrunde fielen ganz unterschiedlich aus: Ein überzeugender Sieg gegen Australien, eine unglückliche Niederlage gegen Serbien und ein Zitter-Erfolg gegen Ghana. Welches ist das wahre Gesicht der deutschen Mannschaft?

 

Das lässt sich jetzt noch nicht sagen. Um ein erstes Fazit zu ziehen, ist es einfach noch zu früh.

 

Schon im Achtelfinale kommt es jetzt zum Fußball-Klassiker zwischen Deutschland und England. England gehört zu den Top-Favoriten bei dieser WM. Wie bewerten Sie die Leistungen der Engländer im bisherigen Turnierverlauf?

 

Das Spiel gegen Slowenien war noch der beste von drei enttäuschenden Auftritten der Engländer bei der WM. Die Vorschusslorbeeren, die die Engländer im Vorfeld der WM auch von mir erhalten haben, haben sie nicht verdient. In dieser Form muss Deutschland keine Angst vor den Engländern haben.

 

Wie muss die Mannschaft am Sonntag agieren, um England zu besiegen?

 

England ist physisch unheimlich stark. Insofern muss die deutsche Mannschaft kämpferisch dagegenhalten. Die Top-Individualisten in den Reihen der Engländer haben dagegen bis dato noch nicht ihr volles Leistungspotenzial abrufen können. Mit einer engagierten, konzentrierten und spielerisch überzeugenden Vorstellung sollte es der deutschen Mannschaft gelingen, dass dies auch so bleibt.

 

In der englischen Mannschaft rumort es. Der frühere Kapitän Terry probte den Aufstand gegen den Trainer Capello. Inwieweit schwächt dieser Zwist die Engländer? Oder brauchte die Mannschaft den Machtkampf als Wachmacher, um endlich zu alter Leistungsstärke zurückzufinden?

 

Öffentliche Kritik am Trainer geht nicht. Dass gilt für Frankreich ebenso wie für England und alle anderen Mannschaften. Ein solches Verhalten ist absolut kontraproduktiv.

 

Wird Joachim Löw die Mannschaft gegen England personell erneut verändern, und rechnen Sie damit, dass Miroslav Klose nach seiner Sperre wieder im Sturmzentrum spielt?

 

Cacau hat gegen Ghana nicht überzeugt. Insofern rechne ich fest damit, dass Miroslav Klose gegen England wieder zum Einsatz kommen wird. Und ich könnte mir vorstellen, dass es auch in der Abwehrreihe Veränderungen geben wird.

 

Was sind mit Blick auf das Achtelfinale nun die dringlichsten Aufgaben für das Trainerteam um Jogi Löw?

 

Für Joachim Löw gibt es keinen Grund, von seinem eingeschlagenen Weg abzuweichen. Jetzt gilt es konzentriert mit der Mannschaft weiterzuarbeiten, den Rhythmus hochhalten und die Jungs auf das Spielsystem und die Stärken der Engländer vorzubereiten und einzustellen.

 

Deutschland gegen England. Wie geht’s aus?

 

Deutschland gewinnt 2:1.

18.06.2010

Deutschland gegen Serbien: Ein Spiel, das es in sich hatte. Jede Menge Zweikämpfe, gelbe Karten in Hülle und Fülle, eine Ampelkarte für Miroslav Klose sowie Lattentreffer und Pfostenschüsse auf beiden Seiten. Am Ende steht ein 1:0 Sieg für Serbien auf dem Zettel.

 

Nach dem fantastischen Auftakt gegen Australien nun die Ernüchterung im zweiten Spiel. Herr Netzer, wie bewerten Sie das Spiel der deutschen Mannschaft gegen Serbien?

 

Ich habe von Anfang an davor gewarnt, das Spiel gegen Australien überzubewerten. Die Leistung war überzeugend, ohne Frage. Es war aber allen klar, dass die wirklichen Prüfsteine für die deutsche Mannschaft noch kommen werden. Und Serbien war ein solcher Prüfstein. Die Serben waren heute einfach das bessere Team. Das Spiel der deutschen Mannschaft war vor allem in der 1. Halbzeit enttäuschend.

 

Selten sah man den Bundestrainer während des Spiels so aufgebracht. Können Sie dessen Ärger nachvollziehen?

 

Vor allem kann ich Löws Ärger über die Schiedsrichterleistung nachvollziehen. Der Unparteiischen hat mit seiner kleinlichen Spielführung absolut überreagiert. Es war kein übermäßig hartes Spiel und dennoch hat er absurd viele Karten gezeigt. Klose ist letztlich wegen zwei Nichtigkeiten vom Platz gestellt worden.

 

Die beiden Helden des Auftaktspiels – Podolski und Klose – sind diesmal die tragischen Figuren. Klose mit Gelb Rot vom Platz, Podolski verschießt einen Elfmeter.

 

Das sind Situationen, die man im Fußball immer wieder erlebt. Von hero to zero – das kann sehr schnell gehen.

 

Die Schlüsselszene sicherlich in der 38. Minute, als Miroslav Klose mit Gelb Rot vom Platz musste. Unmittelbar im Anschluss an den Platzverweis dann das Tor für die Serben. Wie haben Sie diese 38. Minute erlebt?

 

Die Aktion von Klose war absolut unnötig. Wenn ich weiß, wie der Schiedsrichter pfeift, dann ist es mehr als ungeschickt, so im Mittelfeld zu agieren. Von einem erfahrenen Mann erwarte ich, dass er in so einer Situation eher auf die Bremse tritt.

 

Stand die Mannschaft von Joachim Löw beim Gegentor noch unter Schock nach der Ampelkarte für Klose?

 

Das Tor sehe ich nicht als unmittelbare Folge des Platzverweises. Es war vielmehr eine Aneinanderreihung von Fehlern in der Defensive.

 

Doch auch mit zehn Mann hatten die Deutschen eine Reihe guter Tormöglichkeiten. Woran hat es gelegen, dass kein Tor zustande kam?

 

Die Mannschaft hat gut nach vorne gespielt. Ihr ist es aber nicht gelungen, kontrolliert abzuschließen. Im Gegenteil. Es waren die Serben, die in der zweiten Hälfte noch einen Pfosten- und einen Lattentreffer zustande brachten.

 

Die Serben kamen immer wieder über ihre rechte Angriffseite gefährlich vor das deutsche Tor. Badstuber hatte da so seine Probleme. Und auch der andere Shootingstar des Auftaktmatches – Müller – konnte keine solchen Akzente setzen wie im Spiel gegen Australien und wurde in der 2. Halbzeit ausgewechselt. Sind solch junge Spieler gegen Mannschaften wie Serbien vielleicht doch noch ein wenig überfordert?

 

Das ist das Privileg der Jugend, auch mal schlechtere Leistungen abliefern zu dürfen. Badstuber wurden heute seine Grenzen aufgezeigt. Allerdings bin ich der Auffassung, dass er in der Innenverteidigung besser aufgehoben ist als auf der linken Abwehrseite. Und auch Müller blieb heute ohne Durchschlagskraft.

 

Im Vergleich zum Auftaktspiel gegen Ghana waren die Serben nicht wiederzuerkennen. Was war das Erfolgrezept der serbischen Mannschaft?

 

Nach der Auftaktniederlage gegen Ghana ging es für die Serben in Spiel gegen die deutsche Mannschaft bereits um Alles oder Nichts. Entsprechend motiviert sind sie aufgetreten. Darüber hinaus haben sie – bis auf den Aussetzer, der zum Elfmeter geführt hat - sehr konzentriert und kontrolliert gespielt. Allerdings war ich überrascht, dass die Serben in den letzten 20 Minuten konditionell so stark abgebaut haben. Hier wirkten die Deutschen frischer, obwohl sie ein Mann weniger auf dem Feld waren. Schade, dass wir diesen Vorteil nicht mehr für uns nutzen konnten.

 

Welche Erkenntnisse kann die deutsche Mannschaft aus dieser Niederlage ziehen?

 

Vor allem, dass die Moral innerhalb der Truppe in Takt ist. Auch nach dem Rückschlag durch den Platzverweis für Klose hat sie zu keinem Zeitpunkt resigniert, sondern konsequent ihr Spiel weitergetrieben. Ich denke nicht, dass nun ein Riss durch die Mannschaft geht, auch wenn sich die Situation durch die Niederlage natürlich dramatisch verändert hat. Gegen Ghana ist Löw durch den Platzverweis gezwungen, Veränderungen in der Mannschaft vorzunehmen. Ich gehe davon aus, dass anstelle von Klose nun Cacau zum Einsatz kommen wird. Und auch über die Besetzung der linken Abwehrseite wird Joachim Löw sicherlich nachdenken.

 

Muss Deutschland jetzt ums Weiterkommen fürchten?

 

Durch die Niederlage gegen Serbien hat sich die Situation natürlich verändert. Ein Scheitern in der Vorrunde ist durchaus möglich. Die deutsche Mannschaft steht nun unter Druck. Es wird interessant sein zu sehen, wie sie mit einer solchen Extremsituation umgeht. Teams können an solchen Herausforderungen aber auch wachsen. Und ich traue unserer Mannschaft zu, dass sie aus dieser Lage gestärkt hervorgeht.

15.06.2010

Auftakt Deutschland - Australien

 

Das Warten hat ein Ende. Schwarz Rot Gold: Das Sommermärchen nimmt seine Fortsetzung. Und die deutsche Mannschaft enttäuschte ihre Fans nicht. Die Mission "Vierter Stern" startete mit einem überzeugenden 4.0 Sieg im Auftaktmatch gegen Australien.

 

Ein Traumstart der deutschen Mannschaft in die WM. 4:0 gegen Australien. Was sagen Sie zur Leistung der deutschen Mannschaft?

 

Ja, ich kann mich der allgemeinen Begeisterung anschließen. Es ist nicht nur ein verdient gutes Ergebnis, mich hat vor allem die Art und Weise beeindruckt, wie sie es erzielt haben. Sie haben wirklich einen wunderschönen Fußball gespielt und herausragende Spieler gehabt. Vor allem möchte ich Özil und Klose hervorheben. Klose hat gut gespielt und er hat Torchancen gehabt. Es war im Vorfeld ein unerhörter Druck auf ihm und das hat er Gott sei dank gelöst.

 

Im Vorfeld war viel über Podolski und Klose die Rede. Nach einer halben Stunde war das Thema durch. Beide hatten getroffen. Waren Sie überrascht von den Leistungen der beiden?

 

Man muss als Erstes Jogi Löw loben, der das prognostiziert hat. Es war eine grandiose Punktlandung für ihn, das Klose und Podolski getroffen und auch gut gespielt haben. Wenn sie diese Verfassung halten können, kann das noch sehr weit führen.

 

Für den 1. FC Köln hat Podolski in der abgelaufenen Saison zwei mickrige Tore geschossen. In der Nationalelf brauchte er für sein erstes Tor weniger als 10 Minuten. Erklären Sie uns das Phänomen Lukas Podolski.

 

Da lässt sich nur sagen, dass man das nicht miteinander vergleichen kann. In Köln gab es sicherlich viele interne Probleme und er hat es während der ganzen Saison nicht geschafft gute Leistungen zu bringen. Das liegt natürlich in erster Linie an ihm, aber er lebt in der Nationalmannschaft gerade zu auf. Da fühlt er sich mehr Zuhause als in seinem Verein.

 

In der deutschen Nationalmannschaft trägt wieder ein Müller das legendäre Trikot mit der Nummer 13. Wie bewerten Sie Müllers WM-Debut?

 

Es ist kaum zu glauben. Diese Entwicklung des Jungen innerhalb eines Jahres, nicht nur bei Bayern München sondern auch in der Nationalmannschaft. Wenn er weiter so spielt, können wir sehr zufrieden sein.

 

Auf der linken Abwehrseite hat sich Löw für Badstuber entschieden. Was sagen Sie zu dessen Leistung?

 

Die zweite erfreuliche Entwicklung des Jahres. Badstuber hat sowohl bei Bayern in München als auch in der Nationalmannschaft Fuß gefasst. Er hat am Sonntag eine solide seriöse Leistung gebracht. Es würde mich freuen, wenn es so weitergeht.

 

Viel ist im Vorfeld auch über die Besetzung des Mittelfeldes nach dem Ausfall von Ballack spekuliert worden. Ist das Mittelfeld in dieser Zusammensetzung vielleicht sogar stärker als mit Ballack?

 

Wir dürfen nicht den Fehler machen und nach einem Spiel - zugegebener maßen ein tolles Spiel - ein endgültiges Fazit ziehen. Aber Schweinsteiger und Khedira verstehen sich sehr gut und machen eine gute Arbeit.

 

Haben Sie irgendwelche Schwachstellen im deutschen Spiel ausgemacht?

 

Nein, in dem Spiel nicht. Aber daran ist auch der Gegner schuld. Die Australier waren nicht in der Lage, uns zu fordern. Und auch unsere nächsten beiden Gegner - Ghana und Serbien - haben sich bei ihrem Turnierauftakt deutlich schwerer getan. Es war für uns unerhört wichtig nicht nur zu gewinnen, sondern auch so eine gute Leistung zu bringen. Das steigert das Selbstbewusstsein und zeigt, dass die anderen mit uns rechnen müssen.

 

Was bedeutet dieser überzeugende WM-Auftrakt für den weiteren Turnier-Verlauf?

 

Nun, dass die Mannschaft auf einen guten Anfang zurück blicken kann, verschafft Selbstvertrauen, aber mehr im Augenblick noch nicht. Die neue Aufgabe steht bevor. Die anderen Spiele werden ungleich schwieriger. Das ist ein anderes Kaliber und man muss sehen wie sich die Mannschaft bewehrt. Ich bin begeistert von dem Auftritt gegen Australien. Aber das muss man nun hinten anstellen und jetzt gilt es, das weiter zu bestätigen.

 

Die bisherigen Spiele bei der WM waren spielerisch eher durchschnittlich. Mehr als zwei Tore pro Partie fielen nicht. Welchen Eindruck hinterlässt nun ein solch deutlicher und überzeugender Sieg bei unseren unmittelbaren Wettbewerbern?

 

Noch nichts, wirklich nicht. Es ist viel zu früh da ein vorzeitiges Fazit zu ziehen. Das kann man eigentlich erst nach der Gruppenphase.

 

Das andere Spiel in Gruppe D endete mit einem 1:0 Sieg für Ghana gegen Serbien. Wie bewerten Sie den Auftritt unserer nächsten Gruppengegner?

 

Ich glaube, Ghana ist die bessere Mannschaft im Vergleich zu Serbien. Die Serben haben mich ganz und gar nicht überzeugt. Daher glaube ich, dass Ghana unser Rivale um den ersten Platz in Gruppe ist.

 

Was ist mit Blick auf das Spiel gegen Serbien am kommenden Freitag nun zu tun?

 

Es ist nichts zu tun. Die Mannschaft um Trainer Jogi Löw wird weiter so arbeiten wie bisher. Alles nimmt seinen Lauf. Was jetzt passiert ist selbstverständlich, das ist die tagtägliche Arbeit mit der Mannschaft, sowohl körperlich als auch taktisch. Dann geht es in die Feinarbeit mit Blick auf den kommenden Gegner - das sind aber die normalen Spielvorbereitungen.

 

Ist es für die Mannschaft von Jogi Löw ein Vorteil, dass es für Serbien in diesem Spiel schon um Alles oder nichts geht oder erhöht das den Druck auf die deutsche Mannschaft?

 

Nein, die Serben haben mir gegen Ghana nicht gefallen. Aber wir sollten sowieso nicht in erster Linie nach Serbien schauen. Wir müssen selbstbewusst genug sein, uns auf uns selbst zu besinnen und dann werden wir auch sie schlagen.

 

Zwei Top-Favoriten - England und Argentinien - haben ebenfalls ihre Visitenkarte bei dieser WM abgegeben. Wie beurteilen Sie die Leistungen der beiden Mannschaften?

 

Argentinien hat mir gut gefallen - England dagegen hat mich stark enttäuscht. Sie konnten die Vorschlusslorbeeren bei weitem nicht bestätigen.

 

Wie erleben Sie die ersten Tage bei der WM in Südafrika? Haben Sie auch schon eine Vuvuzela?

 

Diese Vuvuzelas treiben mich noch in den Wahnsinn. Die gehören nicht auf den Fußballplatz. Es ist natürlich eine afrikanische Freudenskundgebung, aber sie töten unsere Gedanken, unser Gefühl und das Stadionerlebnis mit diesem monotonen Gedröhne. Es ist in Natura noch viel schlimmer als vor der Fernsehkiste.

09.06.2010

Aktuelles aus der WM-Vorbereitung

 

Noch fünf Tage, dann geht sie endlich los: die erste Fußball Weltmeisterschaft auf afrikanischem Boden. Konzentriert und voller Zuversicht ist die deutsche Mannschaft nach Südafrika gereist. Steht am Ende der vierte Weltmeistertitel für Deutschland? Knapp eine Woche vor dem Auftaktmatch gegen Australien sprachen wir mit Günter Netzer über die Aussichten der deutschen Nationalmannschaft bei der WM in Südafrika.

 

Die Vorbereitung der deutschen Nationalmannschaft auf die WM in Südafrika war geprägt von einem unglaublichen Verletzungspech. Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?

 

Was die deutsche Mannschaft in den letzen Wochen durchgemacht hat, sucht seinesgleichen. Es war sicherlich die schwierigste Vorbereitung einer deutschen Nationalmannschaft auf eine Weltmeisterschaft. Durch das DFB-Pokalfinale und Bayerns CL-Endspielteilnahme stießen wichtige Spieler erst sehr spät zur Mannschaft. Und dann die schweren Verletzungen von Ballack, Träsch und Westermann. Das alles hat die Vorbereitung auf Südafrika erschwert.

 

Wird diese schwierige Vorbereitung negative Auswirkungen auf den Turnierverlauf haben?

 

Ich habe den Eindruck, dass die Mannschaft durch die zahlreichen Rückschläge eher noch mehr zusammengewachsen ist. Wichtig war auch, dass die Führungsriege um Jogi Löw die Ruhe bewahrt hat. Ich finde es bewundernswert, wie sachlich Jogi Löw mit dieser Situation umgeht und unbeirrt den Blick nach vorne richtet und nicht mit dem Schicksal hadert.

 

Welchen Eindruck hinterließ die deutsche Nationalmannschaft in den Testspielen gegen Ungarn und Bosnien-Herzegowina auf Sie?

 

Es war unheimlich wichtig, dass die deutsche Mannschaft mit einem Erfolgserlebnis die Vorbereitung abgeschlossen hat und mit dem guten Gefühl eines überzeugenden Sieges gegen Bosnien-Herzegowina die Reise nach Südafrika angetreten ist. Die Leistung gegen Bosnien-Herzegowina hat mich absolut überzeugt und mir Lust auf unsere Mannschaft in Südafrika gemacht.

 

Welche Erkenntnisse brachte das Spiel?

 

Die wichtigste Erkenntnis ist sicherlich, dass Schweinsteiger und Khedira als Pärchen im defensiven Mittelfeld - der zentralen Nahtstelle zwischen Abwehr und Angriff - gut funktionieren. Khedira hat mir im Spiel gegen Ungarn und gegen Bosnien-Herzegowina sowohl defensiv als auch im Spielaufbau sehr gut gefallen.

 

Die Abwehr sah dagegen nicht immer sattelfest aus.

 

Von der Offensive ist Bosnien-Herzegowina gut aufgestellt. In dieser Hinsicht war dieses Testspiel ein echter Prüfstein für unsere Abwehr. Friedrich hat mich als Innenverteidiger neben Mertesacker überzeugt. Badstuber hat auf der linken Seite seine Sache defensiv gut gemacht. Im Aufbauspiel hat er dagegen noch Probleme. Und über Lahm auf rechts brauchen wir nicht zu sprechen. Stark in der Defensive, überlegt im Spielaufbau und dazu noch torgefährlich.

 

Hat es im Sturm neue Erkenntnisse gegeben?

 

Klose bleibt unser Sorgenkind. Mit Cacau kam nach dem Wechsel wesentlich mehr Schwung in den deutschen Angriff. Auch Müller hat seine Chance im offensiven Mittelfeld genutzt. Und Podolski bleibt ein Rätsel. Im Vergleich zu seinen Auftritten beim 1. FC Köln ist Podolski in der Nationalmannschaft nicht wiederzuerkennen. Auch er hat mich vor allem in der 1. Halbzeit überzeugt.

 

Ist die Formation, die zu Beginn der 2. Halbzeit gegen Bosnien-Herzegowina auf dem Platz stand die Mannschaft, die wir in Südafrika erwarten dürfen - also mit Cacau und Müller und ohne Klose und Trochowski?

 

Cacau und Müller sind aus meiner Sicht die bisher schlagkräftigste Lösung, die wir bisher gesehen haben. Aber eine finale Aufstellung lässt sich zum jetzigen Zeitpunkt noch festlegen. Immerhin stehen ja auch noch einige Trainingseinheiten bis zum Auftaktspiel gegen Australien am nächsten Sonntag auf dem Programm. Jogi Löw verfügt noch über keine eingespielte Mannschaft. Und so kann es gut sein, dass sich die endgültige Formation erst nach ein, zwei Vorrundenspielen herauskristallisiert.

 

Deutschland reist mit einer sehr jungen Mannschaft nach Südafrika. Das Durchschnittsalter liegt bei knapp 25 Jahren. Hat die Mannschaft schon die Reife, um den Titel nach Deutschland zu holen?

 

Die deutsche Mannschaft ist zwar jung aber nicht unerfahren. Lahm, Schweinsteiger, Podolski, Klose, Mertesacker und Friedrich haben zusammen mehr als 440 Länderspiele. Neuer, Khedira, Marin, Özil, Aogo und Boateng haben letztes Jahr ihr erstes wichtiges internationales Turnier gespielt und die U-21 EM gewonnen. Die Mischung stimmt und deshalb denke ich auch, dass Deutschland eine gute WM spielen wird, auch wenn die Mannschaft sicherlich nicht zu den Top-Favoriten auf den Titel zählt.

20.05.2010

WM-Aus für Michael Ballack

 

Es sollte der Höhepunkt einer fantastischen Karriere werden. Zweimal schon griff Michael Ballack vergeblich nach dem Weltmeister-Titel. Im Finale 2002 war er gesperrt. 2006 scheiterte die Nationalmannschaft im Halbfinale an Italien. In Südafrika sollte es jetzt endlich klappen. Dieser Traum ist jäh geplatzt und Michael Ballack wird wahrscheinlich seine Karriere beenden, ohne je einen bedeutenden internationalen Titel gewonnen zu haben. Innenbandriss - als die niederschmetternde Diagnose am Montag bekannt wurde, war das Entsetzen nicht nur bei Bundestrainer Jogi Löw und den Nationalmannschaftskollegen groß. Betroffen zeigt sich auch Günter Netzer: "Michael Ballack ist das Herz der Mannschaft. Er ist der Teamleader. Sein Ausfall ist ein schmerzhafter Verlust für die deutsche Nationalmannschaft. Michael Ballack gehört ohne Zweifel zu den besten Mittelfeldspielern in Europa. Vor allem die von ihm ausgehende Torgefahr macht ihn für das Team so wertvoll."

 

Wie die Nationalmannschaft auf den Ausfall ihres Kapitäns reagieren wird, kann zum jetzigen Zeitpunkt noch keiner sagen. Klar ist nur, dass andere, erfahrende Spieler wie Lahm und Schweinsteiger nun noch stärker in die Verantwortung genommen werden. Die Mannschaft muss trotzt der Verletzung von Ballack ihren eingeschlagenen Weg weitergehen, fordert Netzer. Und weiter: "Ballack ist ein überragender Spieler. Er ist jedoch kein Spielmacher alter Prägung. Insofern ist die Mannschaft von Ballack nicht so abhängig wie von einer klassischen Nummer 10."

 

Doch nicht nur aus sportlicher Sicht schmerzt der Ausfall von Ballack. Für den Mittelfeldspieler ist die jüngste Verletzung der vorläufige Höhepunkt in einer Reihe von sportlichen Tiefschlägen. Netzer: „Natürlich tut es mir für ihn persönlich leid. Solche Verletzungen sind leider immer wieder möglich. Dass dies nun ausgerechnet im letzten Pflichtspiel vor der WM passiert ist, ist umso bitterer.“ Dass Ballacks Werk ohne internationalen Titel nun unvollendet bleibt, sieht Netzer nicht. "Natürlich ist es für jeden Spieler das Größte, Titel zu gewinnen. Doch auch ohne den ganz großen Triumph auf der internationalen Bühne: Ballacks Verdienste für den deutschen Fußball sind und bleiben unbestritten."

 

Nach dem verletzungsbedingten Aus von M. Ballack stehen nun andere Spieler in der Pflicht. Ob J. Löw einen Spieler nachnominieren wird, hat er noch nicht entschieden. Dass sich durch den Ausfall Ballacks plötzlich die Möglichkeit für T. Frings ergibt, in die deutsche Nationalmannschaft zurückzukehren, schließt Netzer allerdings aus. Löw hat sich gegen Frings entschieden und seine Entscheidung klar begründet. Sollte er nun Frings zurückholen, machte er sich unglaubwürdig.

 

Und was bedeutet der Ausfall von Michael Ballack für das Abschneiden der Nationalmannschaft in Südafrika? Auch hier gibt sich Netzer keinen Illusionen hin: „Ob mit oder ohne Michael Ballack: "Die deutsche Nationalmannschaft gehörte und gehört bei der WM in Südafrika nicht zu den Top-Favoriten."

07.05.2010

Jogi Löw hat am Donnerstag den Kader für die WM in Südafrika bekanntgegeben. Die Einschätzungen von Günter Netzer.

 

Der WM-Kader steht. Fahren die besten Spieler mit nach Südafrika?
Die Nominierung hat keine großen Überraschungen gebracht. Die schwierigste Personalie - Kevin Kuranyi - wurde bereits im Vorfeld gelöst. Unter dem Strich sind die 27 Nominierten das Beste, was Fußball Deutschland derzeit aufzubieten hat.

 

Wie bewerten Sie die Nominierung von Jörg Butt?
Jörg Butt ist eine gute Wahl. Er ist ein Spieler, der mit seiner internationalen Erfahrung zusätzliche Qualität in den Kader bringt. Von seiner Ruhe und Gelassenheit werden auch die beiden anderen Keeper, Wiese und Neuer, profitieren.

 

Jogi Löw hat sich nicht eindeutig für Neuer oder Wiese im Tor ausgesprochen. Ist der Kampf um die Nummer 1 im Tor nun ein Dreikampf?
Das denke ich nicht. Nach der verletzungsbedingten Absage von René Adler erwarte ich Manuel Neuer im deutschen Tor.

 

Bereits vor der offiziellen Nominierung des WM-Kaders hat sich Löw gegen ein Comeback von Kevin Kuranyi ausgesprochen. Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?
Die Entscheidung ist für mich nachvollziehbar. Jogi Löw bleibt seiner Linie treu und schenkt jenen Spielern sein Vertrauen, die in der Vergangenheit gute Leistungen in der Nationalmannschaft gebracht haben. Am Ende ging es noch um die Frage: Kießling oder Kuranyi. Löw hat sich schließlich für den besseren Kombinationsspieler entschieden. Ob die Entscheidung richtig war oder nicht, wird die Zukunft zeigen.

 

Jogi Löw setzt auf einen Bayern-Block. Gleich sieben Spieler kommen vom Deutschen Meister. Lässt sich der Erfolg von Bayern München auf Vereinsebene auf die Nationalmannschaft übertragen?
Löw setzt ja nicht aus Selbstzweck auf einen Bayern-Block, sondern weil die Bayern-Spieler ihre Klasse national und international bewiesen haben. Ein eingespielter Block kann viel Positives bewirken.

 

Auffallend ist, dass Löw mit Cacau, Träsch, Khedira und Tasci gleich vier Stuttgarter nominiert hat. Ist dies Ausdruck einer einer besonderen landsmannschaftlichen Verbundenheit?
Cacau, Träsch, Khedira und Tasci verfügen allesamt über ausgezeichnete Qualitäten. Die vier haben ihre Leistung in einer gut spielenden Stuttgarter Mannschaft immer wieder unter Beweis gestellt und sind deshalb zu Recht dabei. Doch trotz aller Fähigkeiten: Der Stuttgarter-Block ist sicherlich kein Block für die erste Reihe.

 

Jogi Löw setzt auf eine junge Mannschaft. 15 Spieler haben zehn oder weniger Länderspiele. Badstuber und Aogo stehen gar vor ihrem Debüt in der deutschen Nationalmannschaft. Ist die deutsche Mannschaft erfahren genug, um bei der WM in Südafrika bestehen zu können?
Ich finde es richtig, dass Jogi Löw auf junge Spieler setzt. Und es ist ja nicht so, dass Deutschland nur mit Nachwuchskräften an den Start geht. Mit Ballack, Lahm, Schweinsteiger, Mertesacker und Klose bilden ganz erfahrene Spieler das Gerüst der Nationalmannschaft. Die jungen Spieler wiederum profitieren immens von einer WM-Teilnahme. Das beflügelt sie in ihrer weiteren Entwicklung ungemein.

 

Ist es ein Nachteil, dass so viele Spieler aufgrund von Pokal- und CL-Endspiel Teile der Vorbereitung verpassen?
Das ist sicherlich nicht ideal. Die Trainingslager sind enorm wichtig. Hier werden Abläufe einstudiert und Taktiken geschult. Auf der anderen Seite hält es die Spannung bei den Spielern, die in den kommenden Wochen noch wichtige Spiele zu bestreiten haben, extrem hoch. Sie kommen gar nicht zum Nachdenken. Sie eilen von einem Höhepunkt zum nächsten. Das kann auch zum Vorteil gereichen und der ganzen Mannschaft einen Schub nach vorne geben.

 

Ist die heute nominierte Mannschaft die Truppe, die den WM Titel nach Deutschland holen kann?
Die Spiele der letzten zwei Jahre lassen eigentlich keine allzu großen Hoffnungen auf den vierten WM-Titel für Deutschland zu. Aber die Vergangenheit zählt nicht. Entscheidend wird sein, wie die Mannschaft in das Turnier findet. Und dann ist alles möglich, auch wenn Deutschland sicherlich nicht zu den Top-Favoriten auf den Titel in Südafrika zählt.

15.04.2010

Das Trainerteam um Jogi Löw hat sich jüngst zurückgezogen und den aktuellen Zustand der deutschen Nationalmannschaft analysiert. Wie fällt Ihr Fazit aus?

Deutschland kann und muss besser spielen, um in Südafrika bestehen zu können. Bis auf zwei gute Halbzeiten gegen Russland lief bei der deutschen Nationalmannschaft seit der Europameisterschaft nicht viel zusammen. Die Leistungsschwankungen sind teilweise unerklärlich. Aber solche Phasen gab’s immer wieder mal. Entscheidend ist, dass der Respekt vor Deutschland immer noch vorhanden ist. Die eigentliche WM-Vorbereitung beginnt Mitte Mai mit den beiden Trainingslagern auf Sardinien und in Südtirol und ich bin zuversichtlich, dass Jogi Löw diese Zeit optimal nutzen wird, um die Nationalmannschaft zu einer Einheit zu formen und gut auf Südafrika vorzubereiten.

Ein beherrschendes Thema ist eine mögliche Rückkehr von Kevin Kuranyi in das Nationaldress. Sollte der Schalker Stürmer eine zweite Chance bekommen?
Zu Kevin Kuranyi sage ich erst etwas, wenn die Entscheidung gefallen ist. Es haben sich schon viel zu viele Personen zu dieser Personalie geäußert. Jogi Löw ist der Chef und er allein muss die Entscheidung pro oder contra Kuranyi treffen. Ratschläge von verschiedenster Seite bauen nur unnötig Druck auf und untergraben die Autorität und Autonomie von Jogi Löw. Er muss die Entscheidung verantworten und sich daran messen lassen. Bei der ganzen Diskussion sollte man jedoch nicht vergessen, dass wir vor allem deshalb über Kuranyi diskutieren, weil der eigentliche Sturm mit Podolski und Klose derzeit solche Probleme hat.

Andere wichtige Personalentscheidung ist dagegen gefallen. Wie beurteilen Sie die Entscheidung, René Adler zur Nummer 1 im deutschen Tor zu machen?
Die Entscheidung und Zeitpunkt der Verkündigung finde ich richtig. Adler ist eine gute Wahl. Der Bayer-Keeper zeigt keine besonderen Schwächen und ist aus meiner Sicht einen Tick vor Neuer. Die frühzeitige Festlegung auf Adler ist wichtig für dessen Selbstvertrauen. Grundsätzlich gilt: Auf der Torwartposition hat die deutsche Nationalmannschaft die geringsten Probleme.

Und wie sieht es in den anderen Mannschaftsteilen aus?
In der Innenverteidigung ist Mertesacker gesetzt. Wer neben ihm spielt ist noch offen. Sollte Lahm auf der linken Seite zum Einsatz kommen, haben wir auf der rechten Abwehrseite noch ein Problem. Im Mittelfeld sind Ballack und Schweinsteiger feste Größen. Interessant wird es sein zu beobachten, welche Entwicklung Özil nimmt. Von seinen Fähigkeiten her traue ich ihm spielerisch den Durchbruch in Südafrika zu. Die größten Sorgen haben wir dagegen im Sturm.

J. Löw hat eine ganze Reihe von Sorgenkindern. An vorderster Front die formschwachen und zum Teil nicht spielenden Podolski und Klose. Tauchen diese Namen dennoch am 6. Mai auf, wenn J. Löw den WM Kader bekanntgibt?
Jogi Löw wird an dem bewährten Personal festhalten. Er hat gute Erfahrungen mit Podolski und Klose in der Nationalmannschaft gemacht. Aber natürlich stehen insbesondere diese beiden Spieler unter erhöhter Beobachtung des ganzen Trainerstabs. Der Druck wächst.

Steht der WM-Kader, oder rechnen Sie damit, dass J. Löw bei der Bekanntgabe des WM-Kaders noch ein, zwei Überraschungen aus dem Hut zaubert; sprich Spieler nominiert, die bis jetzt noch keiner auf dem Zettel hat?
Ich rechne mit keinen großen Überraschungen mehr.

In der Öffentlichkeit wird der deutschen Nationalmannschaft nicht viel zugetraut. Sogar ein Ausscheiden nach der Vorrunde wird diskutiert. Ist die Situation wie immer vor großen Turnieren, dass in Deutschland alles in den schwärzesten Farben gemalt wird, oder ist die Nationalmannschaft tatsächlich nicht konkurrenzfähig, um um den Titel mitzuspielen?
Deutschland gehört sicherlich nicht zu den Top-Favoriten auf den Titel in Südafrika. Sollte die deutsche Nationalmannschaft das Halbfinale erreichen, wäre das ein sehr großer Erfolg. In Deutschland gehört es scheinbar dazu, vor großen Turnieren alles in Frage zu stellen und auf Panikmodus zu schalten. Bisher hat der Charakter der Mannschaft jedoch immer noch gegriffen und der Erwartungshaltung der Öffentlichkeit standgehalten. Keiner sollte die deutsche Nationalmannschaft vorschnell abschreiben.

Wer ist ihr WM-Favorit?
Wann immer Brasilien mitspielt, gehören sie zu den Favoriten. Das gilt natürlich auch für Südafrika. Spanien schätze ich sehr stark ein und ist für mich der Top-Favorit. Auch England unter Fabio Capello traue ich erstmals seit Jahrzehnten wieder etwas Großes zu. Und Argentinien und Italien sollte man immer auf der Rechnung haben.

In zwei Monaten beginnt die WM. Bereitet Ihnen der Zustand der Nationalmannschaft zum jetzigen Zeitpunkt eher Freude oder Sorgen?
Ich bin in erwartungsvoller Spannung.

09.03.2009

Herr Netzer, am Mittwoch stand es 0:1 gegen Argentinien. Sind Sie in WM-Stimmung?
Nein, bisher noch nicht. Das entwickelt sich erst bei mir immer kurz vorher. Spätestens wenn man vor Ort ist. Dann kann man die WM förmlich spüren.

 

Welche Erkenntnisse brachte das Spiel?
Es war eine enttäuschende Leistung der Mannschaft. Aber das gab es vor jeder WM. Die Argentinier habe uns unsere Grenzen aufgezeigt.

 

Wie bewerten Sie die Leistung des neuen Pärchens Ballack / Schweinsteiger im defensiven Mittelfeld?
Ich sehe Schweinsteiger auf dieser Position zusammen mit Ballack. Er spielt sie auch erfolgreich bei Bayern und kann dort in München regelmäßig eine bessere Leistung abrufen. Diesmal war er aber sehr enttäuschend für mich. Es wird auf die weiteren Versuche ankommen.

 

Welchen Eindruck hatten Sie von den Debütanten Müller und Kroos?
Müller hat gezeigt, dass es ein großer Unterschied ist in der Nationalmannschaft zu spielen als bei den Bayern. Unbestritten ist er aber ein großes Talent. Das gilt auch für Kroos. Er steht weiter unter Beobachtung, auch wenn er nach meiner Meinung noch nicht für die erste Reihe in Frage kommt. Wenn er zurück zu den Bayern geht - und das sind andere Bedingungen, als die die er bei Bayer hat - und kann sich in die Startelf spielen, dann sieht es anders aus.

 

Rene Adler hat schlecht gespielt und das Gegentor verschuldet. War der Druck nach der Nominierung zur Nummer 1 zu groß für ihn?
Adler hat das Tor verschuldet. Aber das ist nicht tragisch. So etwas passiert immer wieder. Jetzt muss überprüft werden, ob er dauerhaft schlechte Leistungen bringt. Das wichtigste ist aber: wir habe kein Torwartproblem in Deutschland. Es gibt viele gute.

 

Ist das Team gegen Argentinien die Mannschaft, die wir in Südafrika erwarten dürfen?
Alle Spieler aus dem Kader werden auch in Südafrika dabei sein. Ob die gleichen in der ersten 11 spielen, wage ich zu bezweifeln.

09.02.2009

Diese Kolumne habe ich schon letzten Mittwoch geschrieben. Ich hätte sie auch schon vor einem Monat schreiben können. Es gibt halt Dinge, die sind zeitlos. Diese banale Erkenntnis straft all jene Lügen, die uns in schöner Regelmäßigkeit ein neues Zeitalter voraussagen - ob im Fußball oder sonst wo. Natürlich hat sich der Fußball in den vergangenen Jahren signifikant verändert. Er ist athletischer, schneller und eine gehörige Portion härter geworden. Die Spielsysteme entwickeln sich ständig weiter und auch die Rolle der Spieler im System hat sich deutlich verändert. Die Verteidigung beginnt heute im Sturm. Die einzelnen Mannschaftsteile müssen perfekt aufeinander abgestimmt sein und sowohl nach vorne wie auch nach hinten arbeiten. Es reicht schon lange nicht mehr aus, dass ein Spieler 90 Minuten seine Seite beackert. Intelligente Spielsysteme erfordern intelligente Spieler. Doch ob hängende Spitze, Mittelfeldraute, Doppel-Sechs.
Ob 4-4-2 oder 4-3-3: das Wesen des Fußballspielens ändert sich nicht. Das Runde muss ins Eckige. Und keine Taktik der Welt ist besser als ein Sieg. Wer nach 34 Spieltagen an der Tabellenspitze steht ist zu recht Deutscher Meister. Einverstanden - Fünf Euro ins Phrasenschwein. Doch das ist die simple Wahrheit. Fußball ist einfach. Und diese Einfachheit macht seine Faszination aus. Wahrheiten, die alle Moden überleben, gibt es natürlich nicht nur im Fußball, sondern auch bei der Geldanlage: Da kann man sich auf den Kopf stellen: Risiko und Rendite sind zwei Seiten ein und derselben Medaille. Je höher die Rendite, desto höher auch das Risiko. Was auch immer an Finanzinnovationen auf den Markt kommt - es dient der Optimierung des Risiko- oder Renditeprofils. Den grundsätzlichen Zusammenhang von Rendite und Risiko kann keine Innovation der Welt außer Kraft setzen.


Klassiker sind zeitlos. Sie überdauern alle Modeerscheinungen. Mode hin oder her: Nur wer ein klare Strategie verfolgt, seinen Prinzipien treu bleibt und sich Innovationen öffnet ohne dabei die Grundmechanismen seines Geschäfts aus den Augen zu verfolgen hat auf Dauer Erfolg. Das gilt im Fondsgeschäft ebenso wie in der Fußballwelt. Brasilien ist hierfür ein gutes Beispiel. Fünf Weltmeisterschaften und zweimal Vize-Weltmeister - diese Bilanz spricht für sich. Und wie bei jeder WM-Endrunde gehören die Brasilianer auch in Südafrika wieder zum engeren Favoritenkreis. Die Herausforderer kommen und gehen. Brasilien aber ist über die Jahrzehnte zum Maß aller Dinge geworden. Wer auf Brasilien als Titelfavoriten setzt, geht kein allzugroßes Risiko ein. Risiken begrenzen: Das ist auch das Gebot der Stunde bei der Geldanlage. Vor allen wenn der Wind scharf um die Ecke bläst, greifen die Menschen gern auf Bekanntes zurück und setzen auf Strategien, die sich seit Jahrzehnten bewährt haben. Und so verwundert es nicht, dass in der Investmentindustrie Fondsklassiker ein Comeback erleben. Sie haben schon viele Stürme überstanden und ihre Mannschaft stets ans sichere Ufer gebracht. Allen Modeerscheinungen zum Trotz: Ein Schiff darf vor allem eines nicht: sinken. Fondsflaggschiffe haben bewiesen, dass sie ihre Anleger sicher in den nächsten Investmenthafen bringen.

07.12.2009

Australien, Serbien und Ghana: Bei der Auslosung für die WM-Endrunde in Südafrika hat die deutsche Mannschaft eine gute Gruppe erwischt. Es hätte weitaus schlimmer kommen können. Deutschland ist für mich in dieser Gruppe klarer Favorit. Das Erreichen des Achtelfinals absolute Pflicht. Der stärkste Widersacher ist sicherlich Serbien. Die Serben haben eine sehr überzeugende Qualifikation gespielt und souverän Frankreich hinter sich gelassen. Gut, dass wir nicht gleich zu Beginn gegen dieses spielstarke Mannschaft antreten müssen. Die Australier sind für mich der perfekte Auftaktgegner. Für einen erfolgreichen Tunierverlauf ist ein guter Start immens wichtig. Der sollte gegen Australien gelingen. Ein Sieg im Auftaktmatch bringt nicht nur Ruhe in die Mannschaft und das Umfeld, sondern ist auch wichtig für das Zusammengehörigkeitsgefühl des ganzen Teams.


Schwer einzuschätzen ist die Mannschaft Ghanas. Die Black Stars werden wie alle afrikanischen Mannschaften bei ihrer Heim-WM hochmotiviert auftreten und versuchen, mit der frenetischen Unterstützung der Zuschauer, für die ein oder andere Überraschung zu sorgen. Die pure Leidenschaft und der Heimvorteil werden jedoch nicht ausreichen, um gegen Deutschland bestehen zu können. Ich bin überzeugt, dass Deutschland die Gruppenphase ungeschlagen übersteht und als Gruppensieger ins Achtelfinale einzieht.


Welches Glück die deutsche Mannschaft bei der Auslosung hatte, zeigt ein Blick in Gruppe G. Mit Brasilien, Portugal und der Elfenbeinküste treffen hier drei Mannschaften aufeinander, die eigentlich alle das Zeug für die K.O. Runde mitbringen. Die Enttäuschung wird entsprechend gross sein. Freude dagegen auf der Insel. Algerien, Slowenien und die USA dürften für die Engländer, die ich bei diesem Turnier zum engeren Favoritenkreis zähle, keine allzugrossen Hürden darstellen.


Doch bevor am 11. Juni in Johannesburg mit dem Spiel Südafrika gegen Mexiko die WM beginnt, gibt es doch einiges zu tun. Und auch wenn Deutschalnd in seiner Gruppe klarer Favorit ist, werden die Spiele keine Selbstläufer. Für Jogi Löw und sein Trainerteam beginnt nun die heisse Phase der Vorbereitung. Der Erfolg deutscher Nationalmannschaften liegt nicht zuletzt in der akribischen Vorbereitung und der detaillierten Analyse unserer Gegner im Vorfeld solcher Grossereignisse begründet. Das wird diesmal nicht anders sein.


Die Mannen um Jogi Löw werden die verbleibenden sechs Monate nutzen, um sich ein umfassendes Bild von den Stärken und Schwächen unserer Vorrundengegner zu machen. Wie sind die einzelnen Mannschaftsteile aufeinander abgestimmt? Wie verhält sich der Gegner in der Vorwärtsbewegung? Wie ist sein Abwehrverhalten? Wie variable agiert die Mannschaft taktisch? Alles wichtige Fragen, sich sich jedoch nur bedingt mittels Videoanalysen und umfänglicher Statistiken beantworten lassen. Und so werden Jogi Löw und sein Trainerstab jede Möglichkeit nutzen, die Mannschaften Australiens, Serbiens und Ghanas live spielen zu sehen.


Insofern haben die anstehenden Aufgaben von Jogi Löw und seinen Mannen einiges mit der Arbeit eines Fondsmanagers zu tun. Auch er verlässt sich nicht allein auf Zahlenkolonnen und Informationen aus zweiter Hand. Er setzt vielmehr auf den direkten Kontakt zum Management. Deshalb legt die AGI auch so großen Wert auf Unternehmensbesuche. Mehrere tausend solcher one on one´s absolviert AGI weltweit. Diese direkten Unternehmenskontakte mit dem Unternehmenslenker sind so etwas wie der Stadionbesuch des Bundestrainers. Verlässt der Fondsmanager das "Stadion" weiß er aus erster Hand über die Stärken und Schwächen eines Unternehmens bescheid. Erst dann fällt er die Entscheidung, einen Titel zu kaufen, zu halten oder zu verkaufen.


Tore und Performance: Wir - Fan und Anleger - profitieren in jedem Fall von diesem "Research vor Ort". Aber halt! Einen Unterschied gibt es dann doch. Beim Fußball gibt es für einen Sieg drei Punkte. Bei den Fonds der AGI sind dagegen durchaus mehr als drei (Prozent)Punkte drin.

15.11.2009

Liebe Fußballfreunde,
eine Premiere steht uns ins Haus. Zum ersten Mal findet eine Fußball-Weltmeisterschaft in Afrika statt: in Südafrika. Das Nationalteam "Bafana Bafana" wird von seinen Landsleuten verehrt. Die Jungs von Joachim Löw müssen sich dagegen nach der glanzlosen Qualifikation erst wieder in die Herzen der Fans hineinspielen. Eines aber lässt sich mit Sicherheit sagen. Wir werden viele schöne Spiele und tolle Tore sehen.


Lesen Sie als Nächstes: Netzers Kommentar zur Auslosung der Gruppen

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